Räumliche und zeitliche Entgrenzung – Chancen und Risiken

Published on: 09 Aug 08:09

Mit der Digitalisierung kommt es zu einer räumlichen und zeitlichen Entgrenzung der Arbeit. Durch mobile Endgeräte wird zeit – und ortsunabhängiges Arbeiten ermöglicht, sowie eine permanente Erreichbarkeit. Mobiles und virtuelles Arbeiten nimmt zu, die Kommunikation verläuft immer mehr per Video- oder Telefonkonferenzen und neue Arbeitsmodelle wie Crowdworking entstehen.Laut Bitkom arbeiten inzwischen 79% der Beschäftigten mit mobilen Geräten, wie Computer, Smartphones, Notebooks und Tablets. Davon arbeiten außerdem 75% ab und zu von unterwegs, während ein Drittel regelmäßig im Home Office arbeitet.[1]Doch was sind die Chancen und Risiken dieser sich ändernden Arbeitswelt?

Bruce Mars

Flexibilität und Selbstbestimmung

Flexible Arbeitszeiten und –orte führen zu einer Arbeitssouveränität, die dem steigenden Bildungsniveau und dem Wunsch nach Selbstbestimmung entspricht.[2] Außerdem kann dadurch die Produktivität steigen. Einerseits führen flexible Arbeitszeiten nämlich dazu, dass Arbeitnehmer zu den Zeiten arbeiten, zu denen sie persönlich am effizientesten Leistung erbringen. Es hat wenig Sinn, von jemandem um 8h morgens volle Funktionsfähigkeit zu erwarten, wenn dieser kein Frühaufsteher ist und stattdessen erst gegen 12h am konzentriertesten arbeitet.[3]

Andererseits wird beim ortsunabhängigen Arbeiten effizienter gearbeitet, da hierbei nicht die am Schreibtisch verbrachte Zeit, sondern lediglich die erreichten Ziele überprüft werden können.[4] Eine schnellere Zielerreichung kann also eventuell einen früheren Feierabend bedeuten. Durch die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben werden Home Office, Telearbeit, Crowdsourcing und andere Arbeitsmodelle immer beliebter.[5] Zudem können sowohl Reisekosten als auch Zeit für aufwendiges Pendeln eingespart werden.[6] Auch die Unternehmen profitieren vom Wandel: Statt eigenen Büroräumen teilen sich Unternehmen inzwischen immer häufiger Büroräume mit anderen Firmen (Office-as-a-service), sodass sie ihre Kosten deutlich senken können.[7]

Unsicherheit und permanente Erreichbarkeit

Doch die neuesten Entwicklungen bergen auch Risiken. Beschäftigte haben angemerkt, dass sie sich durch die neuen Arbeitsformen mehr unter Druck gesetzt fühlen, da sie den Eindruck haben, viel mehr in der gleichen Zeit schaffen zu müssen.[8] Das liegt an den komplexer werdenden Arbeitsinhalten und den höheren Anforderungen an Flexibilität, Selbstorganisation, Eigenverantwortung und insbesondere ständiger Erreichbarkeit.[9] Letzteres gefährdet auch die Vereinbarkeit von Freizeit und Beruf, wenn der Arbeitsplatz in das Privatleben verschoben wird. Die Arbeit ist nicht mehr zu Ende, sobald man aus dem Büro kommt, sondern geht online weiter. Es ist eine Herausforderung, abzuschalten, wenn private und berufliche Nachrichten und Anrufe auf ein und demselben Gerät landen und Mails weiterhin beantwortet werden.[10]

Laut Bitkom sind 78 % der Beschäftigten nach Feierabend für ihre Vorgesetzten erreichbar, um die Erwartungen des Arbeitgebers, der Kollegen sowie der Kunden zu erfüllen.[11] Jeder Fünfte reagiert außerdem freiwillig auch im Urlaub auf Anrufe oder Nachrichten.[12]

Mit einer gewissen Portion an Selbstdisziplin könnte dem jedoch entgegengewirkt werden. Zum Beispiel könnte man sich zu Hause ein eigenes Büro einrichten und zu festen Arbeitszeiten dort arbeiten. Störquellen sollten dabei möglichst eingestellt werden, damit effizient gearbeitet werden kann. Gut wäre es auch, wenn man für das Private und Berufliche jeweils andere Mailadressen oder Mobilgeräte hätte. So kann beides leichter voneinander getrennt werden. Zudem steht sogar schon zur Debatte, ob es nicht ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit geben sollte, damit nach Feierabend wirklich nicht mehr gearbeitet werden muss.[13]

Ein weiteres Problem der Digitalisierung stellt die Zunahme freier Dienst- und Werkverträge dar.[14] Diese Beschäftigungsformen sind im Gegensatz zu den gewöhnlichen Arbeitsverhältnissen sehr unsicher, da Freelancer, Crowdworker, etc. einerseits keine festen Verträge haben, also nur dann bezahlt werden, wenn ein Auftrag zur Verfügung steht und außerdem nicht vom Arbeitgeber mitversichert werden, sondern den kompletten Beitrag aus eigener Taschen leisten müssen.[15] Arbeitnehmer nutzen dies manchmal aus, geben Aufgaben online an Selbstständige ab, die nicht zu ihren Arbeitnehmern gehören und somit weder mitbestimmen dürfen noch Anspruch auf anteilige Zahlung der Sozialversicherungskosten haben.[16] Doch auch diese Arbeitsmodelle sollten in arbeitsrechtliche Schutzvorschriften und in die sozialen Sicherungssysteme einbezogen werden. In einigen Bereichen des Arbeitsrechts sowie in der Rentenversicherungspflicht werden arbeitnehmerähnliche Personen bereits berücksichtigt. Um einen Mindestlohn für Selbstständige wird ebenso beratschlagt.[17]

Die fortschreitende Digitalisierung und der Wandel der Arbeitswelt bringen große Herausforderungen mit sich. Mit der Zunahme an Flexibilität sinkt zwar die Sicherheit im Berufsleben, aber die Möglichkeit der Selbstverwirklichung steigt. In der heutigen Zeit gilt es, Beschäftigungsverhältnisse, Arbeitsbedingungen sowie soziale Absicherung so zu gestalten, dass Flexibilität, Sicherheit und auch Mitbestimmung ausgeglichen sind.[18]



[1] cf. Bitkom (2013), p. 9, 13
[2] cf. Bitkom (2016), p. 2
[3] cf. WiWo (2017)
[4] cf. Bitkom (2016), p. 2
[5] cf. Kleemann (2005); Kesselring/Vogl (2010), zitiert nach Carstensen (2016), p. 187
[6] cf. Bitkom (2016), p. 2
[7] cf. Absenger et al. (2016), p. 9
[8] cf. Schwemmle/Wedde (2012)
[9] cf. Wacjman et al. (2010)
[10] cf. Bitkom (2013), p. 28
[11] cf. Bitkom (2015)
[12] cf. Rolfs (2017)
[13] cf. Schulze Buschoff (2016)
[14] cf. Flecker/Schönauer/Riesenecker-Caba (2016), p. 31
[15] cf. ibid
[16] cf. Absenger et al. (2016), p. 13
[17] cf. ibid., p. 12


Absenger, N./Ahlers, E./Herzog-Stein, A./Lott, Y./Maschke, M./Schietinger, M. (2016): Digitalisierung der Arbeitswelt!?, Mitbestimmungsreport, No. 24, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf.
Bitkom 2015: „Drei von vier Berufstätigen sind über die Feiertage erreichbar“, in https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Drei-von-vier-Berufstaetigen-sind-ueber-die-Feiertage-erreichbar-2.html, (07.08.2018).
Bitkom 2016: „Thesenpapier Arbeit 4.0 Die deutsche Arbeitswelt zukunftsfähig gestalten“, in: https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Thesenpapier-Arbeit-40.html, (07.08.2018).
Carstensen, T.(2015): „Neue Anforderungen und Belastungen durch digitale und mobile Technologie“, in Schwächen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in veränderten Arbeitswelten, 3/15, p. 187-193.
Flecker, J./Schönauer, A./Riesenecker-Caba, T. (2016): „Digitalisierung der Arbeit: Welche Revolution?“, in Zukunft der Arbeit, WISO 4/16, p. 18-34.
Rolfs 2017: „Keine Entscheidung des BAG zum ‚Recht auf Nichterreichbarkeit‘",in: https://community.beck.de/2017/08/22/keine-entscheidung-des-bag-zum-recht-auf-nichterreichbarkeit, (07.08.2018).
Schulze Buschoff, K. (2016): Solo-Selbständigkeit in Deutschland – Aktuelle Reformoptionen, WSI-Policy Brief Nr. 4, 3/2016, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (Hg.), Düsseldorf.
Schwemmle, M./Wedde, P. (2012): Digitale Arbeit in Deutschland: Potenziale und Problemlagen, Friedrich-Ebert-Siftung (Hg.), Bonn.
Wacjman, J./Rose, E./Brown, J. E./Bittman, M. (2010): Enacting virtual connections between work and home, in: Journal of Sociology 46 (3), S. 257 – 275.
WiWo 2017: „Hören Sie auf Ihre innere Uhr“, in: https://www.wiwo.de/erfolg/nachteulen-und-lerchen-hoeren-sie-auf-ihre-innere-uhr/10707474.html, (07.08.2018).